Da war sie also: Lena. Die erst nach der Geburt und gegen den gebührenden Widerstand von Mama den zweiten Vornamen “Rabea” bekommen sollte. Der, nämlich, gefiel mir außerordentlich gut und hätte auch sehr gern der Erstname sein können – nur erinnerte er Mama Jutta an “Rhabarber”. Was ich zwar ehrlich gesagt nicht nachvollziehen kann, aber zu einer guten Ehe gehört eben auch, die Eigenarten und Ansichten – und eben auch die eigenartigen Ansichten – des Partners wenn nicht zu verstehen, dann wenigstens sie zu respektieren.
Lena selbst hatte sich ja nun wie gesagt selbst gegen den anderen Namensfavoriten (Sofia) durchgeboxt, und was Rabea angeht: Nun, als Zweitname kann Lena jetzt später selbst entscheiden, ob sie ihren “peinlichen Rhabarber-Zweitnamen” vertuscht und verschweigt oder umgekehrt Mutti anzickt, warum sie nicht Rabea heißen konnte, der Name sei sooooo viel neepster (was wohl das gleiche meint wie “cooler”, aber was weiß ich schon vom Jugendslang 2025).
Aber zurück zur Geburt:
Nachdem Lena Mama auf die Brust gepackt, durch Papa abgeschnippelt und kurz untersucht wurde (und wir mit einigem wissenschaftlichen Interesse die Geburt und Untersuchung der Plazenta betrachteten) verbrachten wir noch einige Zeit im Kreißsaal. Und waren erstmal überwältigt. Und ein klein wenig besorgt, denn Lena war immerhin ein Frühchen, und ihre knörzende Atmung gefiel der Hebamme gar nicht.
Im übrigen fragte ich mich schon im Kreißsaal, ob “knörzen” überhaupt ein echtes Wort ist, und ob es sowas wie ein Fachwörterbuch für Geräusche bei Neugeborenen gibt, wo dieses ulkige Wort dann zwischen “knattern” (Furzen oder A-a machen) und “krölpern” (spontanes Jodeln nach der Geburt) gelistet wäre.
Nun, mindestens die Wikipedia kennt “knörzen” laut Stand Januar 2010 nicht, auch Google hat im Wesentlichen zu vermerken dass “knörzen” ein Jugendslang-Begriff für “rauchen” sei – tiefere Recherche fördert dann aber zumindest einen englischen Forumseintrag zu Tage, bei dem ein Mediziner den anderen fragt, was WTF der Begriff “knörzende Atmung” in einem deutschen Patientenblatt wohl heißen möge. Nun denn:
Knörzen, auch: knörzende Atmung. Im medizinischen Sinne eine brummend-knarrende Lautäußerung von Neugeborenen beim Atmen, die auf eine erhöhte Kraftanstrengung beim Atmen hindeutet. Geht im Falle dass Ihr Kind Lena Rabea heißt innerhalb der ersten Stunde nach Geburt von alleine weg, andernfalls: Daumen drücken! Die knörzende Lautäußerung selbst kann gelegentlich auch bei gesunden Babies auftreten, z.B. als Vorstufe zum Schreien. (RabenAASsches zeitgenössisches Fremdwortwörterbuch, Band 14, Seite 16.004).
Nach Klärung des knörzenden Mysteriums durch eine kurze Zusatz-Begutachtung wurde ich zur Schwesternstation gerufen, wo eine aufgrund ausgebliebener Nachtmeldungen schon reichlich verzweifelte Neu-Oma Gislinde am Apparat auf mich wartete.
Eine kurze erleichternde Meldung der Geburt später ging ich dann – schon zur Vermeidung weiterer Beinah-Herzinfarkte anderer Anverwandter – zum Zimmer, von wo aus ich die Anruf-Lawine der erfolgten erfolgreichen Geburt lostrat. Jutta inzwischen wurde mit Lena in eine Art “Aufwachraum” neben der Schwesternstation gebracht, dessen Bezeichnung eigentlich eher “Abstellraum während wir die Papiere fertigmachen” heißen müsste. Und wo Lena schonmal von allen anderen Neugeborenen das Liebste und Leiseste war (später erfuhr ich dann übrigens via die Virchow-Website, dass am selben Tag ein Junge mit dem vielsagenden Namen “Jyhad” hier entbunden wurde. Sollte dieser unter den anderen Anwesenden gewesen sein, verpasste ich aber meine Chance den Heiligen Krieg zu begrüßen (wobei: vielleicht heißt Jyhad ja in anderen Sprachen auch etwas weniger Drastisches … “unabsichtliches Auf-den-Fuß-treten” oder so)).
Jutta und ich hatten uns darauf verständigt, jetzt sofort Besuch zu empfangen – wir waren rund 2 Stunden nach der Geburt noch reichlich aufgedreht, wussten aber dass uns spätestens nachmittags alle Energie schlagartig verlassen würde.
Die Erste am Ort – bedingt durch eine Fehlinformation über die Besuchszeiten – war dann “Tante” Jeanette, die tatsächlich SO früh eintraf, dass ich sie als “Begleitperson zur Geburt” in den Aufwachraum bringen konnte.
Wenig später trafen dann auch Neu-Opa Bernhard und nach ihm Neu-Oma Inge sowie etwas später Neu-Opa Theo und Neu-Stiefoma Sonja ein. Und alles war den Tränen entweder nah oder erlag ihnen auch mal. Omama Gillie selbst erschien noch nicht, da sie für den heutigen Abend seit Monaten eine Feier zu ihrem 70. Geburtstag plante und durch uns davon abgebracht werden konnte, diese noch kurzfristig abzusagen.
Gegen Abend schließlich kehrte bei uns Ruhe ein, und mit Erlaubnis von Mutter und Kind zog ich mich auf anderthalb Stunden in den nahegelegenen “Deichgrafen” zurück, um eine vor wenigen Tagen von Jutta für mich besorgte “Siegeszigarre” zu rauchen, die hervorragenden Nachos mit Chili con carne zu schlemmen, einen interessanten und sehr leckeren “Bockbier-Likör” zu probieren (was es alles gibt) und eine Weile meinen eigenen Gedanken nachhängen zu können.
Die Zeit im Familienzimmer – auch und gerade die erste Nacht – war natürlich aufregend, und Gottlob waren wir alle drei so fertig dass wir trotz aller Aufregung guten Schlaf fanden (tatsächlich habe ich seither noch nicht wieder so gut und lang geschlafen…).
Am nächsten Tag – dem höchst binären 10.01.10 – kamen dann am Nachmittag Gillie, Pattilie und Xenia zu Besuch, von denen insbesondere Zweiterer geradezu ergriffen war (im Gegensatz zu beiden anderen hatte er ja – wie ich selbst noch vor wenigen Stunden – nie ein SO neu Geborenes gesehen, geschweige denn berührt und im Arm gehabt).
Für Lena sei vermerkt: Er hat Dir schon damals gesagt, dass Du in eine sehr seltsame, aber insgesamt liebenswerte Familie hineingeboren wurdest. Und versprochen, Dir die Geheimnisse des Kölner Karnevals zu zeigen.
Äh. Danke. Denke ich… :)
Da man gewisse Dinge auch gern mehrmals feiern kann, begleitete ich die drei einmal mehr in den Deichgrafen, wo kräftig geschlemmt und auch ein bisschen zugeprostet wurde. Jutta hatte die ungnädige Aufgabe, allein und waidwund zu bleiben, trug dies aber entweder mit enormer Fassung oder es gefiel ihr tatsächlich ganz gut, etwas ihre Ruhe zu haben.
Am Montag – dem immer noch binären 11.01.10 – fand dann die zweite Vorsorgeuntersuchung (U2) statt. Lena hatte Gewicht verloren und wog nur noch knapp 2.800 Gramm – normal nach der Geburt, bei ihr als Frühchen aber durchaus Anlass, es in Zukunft im Auge zu behalten – und hatte einen in den Augen des Kinderarztes auffälligen Gelbstich, der zwar ebenfalls nichts Ungewöhnliches sei, wegen dem wir aber morgen nochmal zur Kontrolle vorbeikommen sollten (tatsächlich ist Gelbsucht bei Neugeborenen und speziell Frühchen sehr sehr normal und in den allermeisten Fällen völlig harmlos – dennoch beunruhigt einen das als Neueltern schon sehr, zudem wenn eben eine MASSIVE Erhöhung der Bilirubinwerte konsequenter Weise auch MASSIV gefährlich sein kann).
Nichtsdestotrotz: Wir würden heute entlassen werden. Und das bedeutete für Papa Andreas erstmal eine MASSIV überhastete Einkaufs(tor)tour für alles, was einem 4 Wochen vor der erwarteten Geburt alles noch so fehlt – darunter Verschiedenes, mit dessen Hilfe man das Baby erst überhaupt bei Schnee und Frost nach Hause bringen kann.
Als unerwartetes Hindernis erwies sich dabei, dass auch unser Baby-Stammladen “Happy Baby” in der Müllerstraße (für dessen super-kompetente “das ist Quatsch, das braucht man eigentlich nicht” Einkaufsberatung in Rekordzeit ich mich speziell als Mann herzlichst bedanken will) keine Mützen in Kopfgröße 33 hatte. Mützengrößen fangen nämlich üblicher Weise erst ein Stück größer an – 33, das ist mehr so Puppengröße, weswegen man mich zu Karstadt und dort zur “Baby Born” Kollektion schickte. Die hatte zwar nichts Passendes auf Lager (sofern man 33er Bauarbeiter-Puppenhelme aus Hartfilz als nur mäßig zweckdienlich betrachtet), dafür fand ich wenig später bei C&A eine 37er Mütze, die – grob gepeilt, man kennt ja als Vater-Schrägstrich-Zeichner die Größe des Kopfs seiner Tochter, gell? – passend schien. Und tatsächlich wie angegossen passte.
Alles in allem fand der Umzug in die heimische Wohnung um einiges später statt als gedacht, und für den Rabenvater sollte es noch etwas später werden: Der nämlich fuhr noch weitere zweimal los, zur Apotheke, um weiteres Equipment heranzuschaffen (eine Muttermilch-Zapfanlage bzw. Mama-Melkmaschine hatten wir schon auf der Rückfahrt geholt).
Die erste Nacht daheim verlief überaus friedlich — zwar unterbrochen von den zu erwartenden Fütterpausen und noch in einem abwechselnden Schichtschlafsystem, aber wir hatten es uns übler vorgestellt.
Etwas anders sah es dann am Folgetag aus:
Bereits morgens war ein drängender Anruf auf dem AB, in dem Hilfe bei einem Projekt auf Arbeit erbeten wurde (bedingt durch die verfrühte Geburt war natürlich alles völlig unorganisiert abgebrochen worden). Soweit kein Problem – nur gab es da ja noch die Untersuchung im Virchow, bei dem nochmal ein Blick auf die Gelbsucht geworfen werden sollte.
Zwar hatten wir den Eindruck, unser ADAC Helferlein (der gelbe Engel Lena) sei schon etwas weniger gelb geworden, ein entsprechender Licht-Check brachte aber das gegenteilige Ergebnis (Bilirubin-Wert bei der U2 war bei etwa 12, nun sollte er auf über 17 geklettert sein).
Um Gewissheit zu haben, musste nun ein Bluttest her, was in der Klinik etwas organisatorisches Chaos verursachte: Der Kinderarzt – ein wahnsinnig netter und noch recht junger Mann – erklärte gegen alle Einwürfe der Schwestern, dass es ihn nicht im geringsten schere dass wir schon entlassen seien und ein Test nur durch Neuaufnahmei via Erste Hilfe der Kinderklinik erfolgen könne, er nehme jetzt Blut ab und dann soll das Labor gefälligst seine Arbeit tun. Die Schwestern hingegen mussten ihre Verwaltungsvorschriften beachten, hatten in der Schwangerenstation keine betreffend korrekt ausgedruckten Blutampullen-Aufkleber und so watschelte ich eben – das Blut meiner Tochter in Händen plus handschriftlichen Notizzettel – zur Ersten Hilfe, um dort die Probe abzugeben, unterdessen Jutta und Lena im Still-Café blieben.
Danach – es würde jetzt 1 Stunde dauern, bis ein Ergebnis vorliegt – fuhr ich zur Agentur, um weitere zehn Stunden an meinem Lieblingsprojekt zu ackern. Immerhin deutlich entspannter, nachdem die Meldung kam dass der Bilirubinwert tatsächlich auf unter 10 gefallen sei – der Lichttest sei eben tatsächlich nur ein Vorab-Test, dessen Ergebnis nie ganz eindeutig ist.
Übrigens: Raten sie, wer sofort Gewehr bei Fuß stand, Jutta und Lena nach Hause zu kutschieren. Genau: der unersetzbare Trauzeuge Alexander. Dessen Mutter uns inzwischen schon die zweite Garnitur Babysachen gestrickt hat. Sollt leben, ihr zwei! Seid beide Schatzies!
Während ich auf Arbeit war, haben daheim auch schon die Nachbarn das Kleine in Augenschein genommen. Unser Haus ist einfach toll: Die meisten hier sind aus dem ehemligen Jugoslawien und schon seit den 50ern/60ern im Haus. Aus früheren Kindern sind zum Teil Erwachsene, teilweise selbst schon wieder Eltern geworden, man kennt sich, grüßt sich, hilft sich, leiht sich Sachen, der Türsummer geht magischer Weise, wenn man beide Hände voll mit Einkäufen hat, oft bekommt man sogar Hilfe beim Tragen angeboten oder sieht, auf dem Balkon sitzend, plötzlich ein Körbchen mit Frischgebackenem neben sich herab schweben, weil Seneta gerade etwas fertig hatte. Einfach toll.
Weniger toll, ja, sogar recht schlimm ist dafür die Nacht zum 13. Januar: Lena hat schlimme Bauchschmerzen, und alle tollen Beruhigungsgriffe der letzten paar Tage helfen nicht. Das arme Ding schreit, bis es heiser ist, und nichts scheint zu helfen. Unterm Strich schreit Lena nicht lange – generell nicht, und genau genommen selbst in jener Nacht nicht – aber man BEGINNT zu ahnen, was Eltern von Schrei-Babies durchmachen.
Der Grund für Lenas Ungemach ist übrigens ganz banal: Die Vormilch versiegt, die “richtige” Muttermilch schießt eben erst ein, das heißt das Kind kriegt vorübergehend nicht genug Milch UND dann auch noch sozusagen die “Falsche”, muss noch ehe sie 1 Woche auf Erden ist zum zweiten Mal ihre Verdauung umstellen.
Hebamme Otremba weiß natürlich Rat, am nächsten Tag, und obwohl Lena auch in kommenden Tagen und Wochen gelegentlich Probleme mit Bauchweh haben wird (inkl. dass sie manchmal nicht bäuern kann oder mehr reinsaugt, als sie raus… -äh- …macht) helfen Tee und Massage, vor allem aber auch Geduld und das unverzichtbare Körner- bzw. Kirschkernkissen das Schlimmste zu lindern. Für Baby und Eltern.
Die notwendige Apothekentour zur Beschaffung der diversen Wundermittelchen wird natürlich wieder von Papa besorgt, der außerdem einen gewaltigen Koffer mit (gemieteter) Baby-Digitalwaage anschleppt. Gegen Abend kommen dann noch Theo und Sonja zu Besuch, bringen ein wirklich köstliches Schwarzwälder Brot mit Nüssen und “Stinkekäse” mit und sind von ihrer Enkelin wieder hin und weg, gerührt und sprachlos in Freudenstarre vor dem knisternden LCD-Kamin geschockt.
Einen Tag später – die Nacht verlief bereits deutlich besser – darf auf eigenen Wunsch die von Lagerkoller gerittene Mama tun, was sonst der Rabenvater darf: Losflattern zur Apotheke (genauer: VIER Apotheken), diesmal nach homöopathischen Kügelchen, die zwar Quatsch sind, aber das scheint Lenas Magen nicht zu wissen: Sie helfen ihr.
Der 14. Januar sieht außerdem den Besuch beider Omas -Inge und Gillie – bei denen man förmlich zusehen kann, wie lange brach gefallene Hirnareale plötzlich neu befeuert werden und tot geglaubte Datenbanken der Säuglingspflege plötzlich wieder zum Leben erwachen.
Stolz sind wir Eltern bei all dem eigentlich weniger, Lena gemacht und auf die Welt gebracht zu haben – das ist schließlich evolutionsbedingt nicht SO die Schwierigkeit, bzw. wir haben wenig Anteil am dahinter stehenden Wunder – sondern dass und wie gut es uns gelingt, für Lena zu sorgen und unser Nest wahrhaft heimelig zu machen. Was unsere eigenen Eltern irgendwie in fast schon unverschämter Weise zu überraschen scheint. *g*

Vorsichtige allererste Begegnung des sonst meist eingesperrten Sittichs "Richard III." (Ricky für Freunde, laut eigenen Angaben "RrrrikRrrrikRickyRickyRickyRicky-SüSüSüßaa-SüßSüßSüßaaa-NaDuVoVo-VoVo-Vogel") mit dem neuen Küken
Am Freitag dann erste Besuche von Freunden: Nachmittags kommt Katja vorbei und bestätigt, dass Lena nun auf Platz 1 ihrer internen Süße-Baby-Charts gerutscht ist (was Leute alles so haben), abends dann experimentell und erstmals D&D, wobei Lena die Ehre hat noch ehe sie 1 Woche alt ist mit Papa kurzzeitig hinter dem SL-Schirm zu sitzen, und sogar 1x zu würfeln.
Die Next Generation ist heran.